Status Q · Chefs
Dieser Beitrag ist eine Grundlage zur Diskussion. Er beschreibt eine Perspektive, nicht das letzte Wort. Eure Erfahrungen, Fragen und Gegenargumente gehören dazu. Jetzt mitreden ↓
Liebe Unternehmerkolleginnen und Unternehmerkollegen,
die Zeiten haben sich verändert. Vom Unternehmensgewinn nebenbei ein Haus bauen, wie es vor Jahren noch möglich war? Davon können viele heute nur träumen. Für manche Selbstständige reicht es kaum für den eigenen Lebensunterhalt. Und Bewerber, die vor der Tür Schlange stehen? Auch das ist vorbei. Heute bewerben sich Unternehmen bei den Mitarbeitern.
Gute Haarschnitte allein reichen nicht mehr
Qualifizierte Mitarbeiter fehlen, die Kosten steigen. Gleichzeitig erwarten Kunden Qualität, neue Ideen, guten Service und eine professionelle Beratung. Vielerorts fehlt dafür schlicht die Zeit – und das Personal.
Wir müssen uns auch fragen, welchen Anteil wir selbst daran haben. Ausbildung und Weiterbildung haben zu oft nicht den Stellenwert bekommen, den sie brauchen. Heute vermissen wir die Qualität, die unsere Kunden erwarten.
„Die Kunden wollen das nicht.“ „Die Kunden haben kein Geld.“ Solche Sätze höre ich immer wieder. Natürlich muss mancher Kunde genau rechnen. Aber daraus abzuleiten, dass gute Leistungen grundsätzlich nicht bezahlt werden, greift zu kurz. Schauen wir auf Gastronomie, Reisen oder Wellness: Menschen geben Geld für Dinge aus, die ihnen etwas wert sind. Wir müssen deutlicher zeigen, was unsere Arbeit wert ist.
Wer seinen Salon führen will, muss seine Zahlen kennen
Lohnfaktor, Deckungsbeitrag, betriebliche Verpflichtungen: In Friseurforen erlebe ich bei solchen Themen immer wieder Ratlosigkeit. Manche Kollegen sind damit überfordert – auch als Unternehmer.
Gute Haarschnitte zu machen, reicht heute nicht mehr. Wer die Kosten seines Salons nicht kennt, kann weder vernünftige Preise kalkulieren noch erklären, welche Umsätze notwendig sind, um Arbeitsplätze zu sichern.
Erst wenn diese Umsätze erwirtschaftet werden, entsteht Spielraum: für Weiterbildung, Werbung, Investitionen – und für einen auskömmlichen Lebensunterhalt des Inhabers. Ein Unternehmen soll schließlich auch den Menschen ernähren, der dafür Verantwortung trägt. Nach Steuern, Sozialabgaben und Altersvorsorge muss etwas zum Leben bleiben.
Sich selbst kaputtsparen
Zu viele laufen vor ihren Zahlen weg und werden von schlechten Ergebnissen eingeholt. Dann steht der Chef immer länger selbst am Stuhl, um fehlende Umsätze aufzufangen. Für Führung, Planung und Entwicklung bleibt noch weniger Zeit.
Aus solcher Not entsteht manchmal auch der Gedanke, einen Euro am Fiskus vorbeizuschleusen. Eine tragfähige Lösung wird daraus nicht. Der Betrieb braucht nachvollziehbare Zahlen und eine ehrliche Kalkulation, damit Weiterbildung und Investitionen planbar bleiben.
Wer an allem spart, was den Salon voranbringen könnte, spart sich irgendwann selbst kaputt. „Wer im Markt steht, der geht“ – an diesem alten Satz ist leider etwas dran.
Vom Wettbewerb lernen
Viele Kunden sind zu Discountern und Billigangeboten abgewandert. Das tut weh. Jeder verlorene Kunde bedeutet fehlenden Umsatz und damit ein Stück weniger Sicherheit.
Ein Unternehmen mit zehn, zwanzig oder hundert Salons kann anders einkaufen und kalkulieren als ein einzelner Betrieb. Wohltäter sind solche Unternehmen deshalb nicht. Dort wird gerechnet, analysiert und wirtschaftlich optimiert. Die Umsatzvorgaben an Mitarbeiter sind mitunter höher als in einem konventionellen Salon.
Daraus zu lernen, wäre sinnvoller, als deren Arbeit grundsätzlich schlechtzureden. Sie ist nicht immer schlecht. Unsere Aufgabe ist es, die eigene Qualität, Beratung und den Service so weiterzuentwickeln, dass Kunden den Unterschied erkennen. Ratlos zuzusehen, bringt uns nicht weiter.
Menschlichkeit und Konsequenz gehören zusammen
Übt euch in Menschlichkeit! Das bedeutet nicht, alles zu dulden, nur damit Harmonie herrscht. Es bedeutet, mit Mitarbeitern zu reden: über die Anforderungen im Salon, über Schwierigkeiten und darüber, welche Unterstützung sie brauchen, um besser zu werden.
Immer wieder erlebe ich Chefs, die kein gutes Haar an ihren Beschäftigten lassen. Aber wer hat diese Menschen eingestellt? Wer führt sie? Nachhaltigen Erfolg erreichen wir nur mit unseren Mitarbeitern. Fördern und fordern gehört zusammen. Und wenn es dauerhaft nicht passt, braucht es eine klare Entscheidung.
Auch ein höherer Lohn ersetzt keine Wertschätzung. Offene Gespräche, Anerkennung und verlässliche Führung fehlen in vielen Salons. Gerade beim Thema Wertschätzung habe ich in unserer Branche allerdings ganz eigene Erfahrungen gemacht.
In eigener Sache: Was Fairness kosten darf
2008 entstand meine Idee für „Der faire Salon“. Mit TOP HAIR International als Kooperationspartner wurde daraus eine Wertegemeinschaft. Die Begeisterung war groß: „Endlich tut jemand etwas!“ und „So sollte es gehen!“ Friseurunternehmen konnten sich registrieren und kostenlos auf der Plattform präsentieren.
Die Zahl von 300 Mitgliedern war schnell erreicht. Als sich auch schwarze Schafe einschlichen, führten wir auf Wunsch der Mitglieder ein Prüfverfahren ein. Die Salonpräsentationen wurden ausführlicher; Möglichkeiten zur Bewertung und Mitarbeitersuche kamen hinzu. Neben der kostenlosen entstand eine beitragspflichtige Mitgliedschaft mit Gütesiegel.
Broschüren, Flyer, Plakate, Urkunden, Anzeigenvorlagen und Videos sollten den Salons bei Werbung und Positionierung helfen. Mitte 2016 hatte die Gemeinschaft fast 500 Mitglieder. Bis dahin hatte ich rund 5.000 Arbeitsstunden und einen deutlich fünfstelligen Betrag investiert. Hinzu kamen technische Betreuung und ein eigener Server.
Für die bisher kostenlosen Mitgliedschaften sollten deshalb 2,50 Euro im Monat als Solidarbeitrag dazukommen. Nach all dem Geben sollte auch eine Beteiligung an den laufenden Kosten möglich sein.
Die Reaktion? Ein Sturm der Entrüstung. Mehr als 200 Mitglieder verließen die Gemeinschaft, zum Teil mit bitterbösen Worten. Anwaltsbriefe und angedrohte Anzeigen gehörten dazu.
„Ich habe nichts unterschrieben.“ „Ich habe mich nie angemeldet.“ „Von der Änderung habe ich nichts erfahren.“ Solche Antworten erreichten uns, obwohl wir zweimal per E-Mail und zweimal schriftlich informiert hatten. Adressen hatten wir weder gekauft noch ungefragt übernommen.
Wir beklagen mangelnde Wertschätzung bei unseren Kunden. Aber wie gehen wir selbst mit der Arbeit anderer um? Für mich war das eine bittere Erfahrung – gerade in einer Gemeinschaft, die Fairness im Namen trägt.
Wir gehen unseren Weg weiter
Mit „Der faire Salon“ setzen wir uns weiter für Betriebe ein, die unsere Kriterien leben und mit Qualität, Ehrlichkeit und Fairness arbeiten. Diese Salons gilt es zu stärken. Auch mit diesem Portal.
Und jetzt auf ein Wort: Wie geht ihr mit euren Zahlen um? Wie führt ihr eure Mitarbeiter? Und was ist euch gegenseitige Unterstützung wert?
Rene Krombholz

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