Rund 80.000 Friseurbetriebe, 235.000 Beschäftigte und eine jahrzehntelange Partnerschaft mit der Haarkosmetikindustrie. Doch die großen Hersteller orientieren sich zunehmend an anderen Märkten. Wie konnte es so weit kommen?
Das deutsche Friseurhandwerk ist mit rund 80.000 Betrieben, etwa 235.000 Beschäftigten und rund 13.500 Auszubildenden eine beachtliche Wirtschaftskraft. Eigentlich beste Voraussetzungen für eine starke Interessenvertretung, ein selbstbewusstes Auftreten und eine Branche, die gemeinsam ihre Zukunft gestaltet. Doch die Realität sieht anders aus: Der Zusammenhalt ist gering, die gemeinsame Stimme schwach, bedeutende Fachmedien sind verschwunden und selbst die großen Unternehmen der Haarkosmetik, die das Handwerk jahrzehntelang begleitet haben, orientieren sich zunehmend an anderen Absatzmärkten.
Wo und wann haben wir diese Entwicklung aus den Händen gegeben?
Die Warnsignale gab es bereits vor 30 Jahren
Bereits Mitte der 1990er Jahre geriet das Friseurhandwerk wirtschaftlich unter Druck. Die Umsätze entwickelten sich rückläufig, die Kunden kamen seltener und allein 1995 registrierte die GfK rund 13,9 Millionen Friseurbesuche weniger. Eine gemeinsame Verbraucherbefragung des Zentralverbandes und des Industrieverbandes Körperpflege- und Waschmittel sollte klären, woran das lag. Die Ergebnisse zeigten erhebliche Unterschiede zwischen dem Selbstbild der Friseure und der Wahrnehmung ihrer Kunden. Fachwissen, Kreativität und Beratungsleistungen wurden offenbar nicht ausreichend erkannt oder geschätzt.
Darüber habe ich bereits in meinem Beitrag „Verpasster Wendepunkt – Als die Kunden den Friseuren den Spiegel vorhielten“ berichtet. Damals bestand die Chance, das Handwerk neu auszurichten, seinen Wert deutlicher zu vermitteln und den Friseurbesuch attraktiver zu gestalten. Doch trotz vieler Diskussionen, Kampagnen und guter Absichten änderte sich im Salonalltag vergleichsweise wenig.
Neue Märkte entstanden – die Friseure blieben zurück
Währenddessen veränderten sich die Wünsche und Prioritäten der Verbraucher. Nageldesign, Wellness, Fitness, Reisen, Telekommunikation und Freizeitangebote entwickelten sich zu wachsenden Märkten. Vieles davon wurde zum begehrten „Must-have“, für das Kunden bereitwillig Geld ausgaben. Da das verfügbare Einkommen jedoch begrenzt ist, mussten Prioritäten gesetzt werden. Der Friseurbesuch gehörte dabei offensichtlich nicht immer zu den Gewinnern.
Andere Branchen schafften es, Begehrlichkeiten zu wecken, Erlebnisse zu vermitteln und ihre Leistungen besonders wertvoll erscheinen zu lassen. Das Friseurhandwerk hielt dagegen häufig an der Überzeugung fest, möglichst preiswert bleiben zu müssen. Natürlich müssen Dienstleistungen bezahlbar sein, doch wer sich vor allem über niedrige Preise definiert, macht es schwer, den besonderen Wert seiner Arbeit zu vermitteln. Statt aus dem Friseurbesuch ein begehrenswertes Erlebnis zu machen, wurde er für viele Kunden zu einer Ausgabe, die man reduzieren oder aufschieben konnte.
Unser Handwerk hat es über Jahrzehnte versäumt, sich als echtes „Must-have“ zu positionieren.
Corona verschärfte die Probleme
Die Pandemie und ihre Folgen trafen das Friseurhandwerk hart. Wochenlange Schließungen, steigende Energie- und Materialkosten, höhere Löhne, Mitarbeitermangel und zunehmende Bürokratie belasteten die Betriebe. Obwohl vielerorts die Preise angehoben wurden, blieb unter dem Strich häufig weniger Gewinn. Sparen wurde zum Gebot der Stunde, auch beim Einkauf professioneller Haarkosmetik.
Viele Salons wechselten zu preiswerteren Produkten und trennten sich von langjährigen Lieferanten. Wirtschaftlich war das nachvollziehbar, doch mit den etablierten Marken waren häufig auch Außendienst, Seminare, Schulungen, technische Beratung und Unterstützung bei der Weiterentwicklung verbunden. Wer sich davon verabschiedete, verlor unter Umständen weit mehr als einen Produktlieferanten. Wenn gleichzeitig Weiterbildung und fachliche Entwicklung zurückgefahren werden, drohen Qualitätsverluste. Werden die Unterschiede zwischen hochwertigen und preiswerten Angeboten für Kunden immer weniger erkennbar, entscheiden diese zunehmend nach dem Preis.
So entsteht ein Kreislauf, in dem Einsparungen kurzfristig helfen, langfristig aber die Wettbewerbsfähigkeit schwächen können.
Wella – einst die Mutter der Friseure
Wer die Branche seit Jahrzehnten kennt, erinnert sich noch gut an den Ausspruch „Wella – die Mutter der Friseure“. Tatsächlich waren Wella und andere große Haarkosmetikanbieter weit mehr als Lieferanten. Sie begleiteten die Entwicklung des Handwerks, prägten Modetrends, organisierten Weiterbildungen und unterstützten Salons mit Außendienst und Beratung. Zwischen Industrie und Friseurhandwerk bestand über Jahrzehnte eine enge Partnerschaft, von der beide Seiten profitierten.
Doch auch die Hersteller spürten den wirtschaftlichen Druck. Wenn Salons weniger einkaufen, zu günstigeren Alternativen wechseln und der traditionelle Vertriebsweg an Attraktivität verliert, müssen Unternehmen reagieren. Außendienststrukturen wurden verkleinert oder verändert, Schulungsangebote wirtschaftlicher organisiert und Werbeausgaben überprüft.
Besonders deutlich wurde dieser Wandel bei der Fachpresse. Jahrzehntelang waren Magazine wie Friseurwelt, FMFM, TOP HAIR und imSalon wichtige Informationsquellen und verbindende Elemente der Branche. Doch sinkende Anzeigenbudgets der Industrie trafen auf rückläufige Abonnentenzahlen, weil auch in den Salons gespart wurde. Hinzu kam die Verlagerung der Werbung in digitale Medien und soziale Netzwerke. Mehrere bedeutende Magazine verschwanden oder verloren ihre frühere Stellung. Mit ihnen gingen nicht nur Informationen verloren, sondern auch Plattformen für Diskussionen, Orientierung und den Zusammenhalt im Handwerk.
Die Haarkosmetikindustrie sucht sich neue Märkte
Der deutsche Haarpflegemarkt erreichte 2025 einen Umsatz von rund 4,1 Milliarden Euro brutto. Doch vom Geschäft mit Haarpflegeprodukten profitiert das Friseurhandwerk vergleichsweise wenig. Während eine Drogeriemarktfiliale nach einer Modellrechnung monatlich rund 34.500 Euro Haarpflegeumsatz erzielt, liegt der geschätzte Produktumsatz eines deutschen Friseurbetriebs nach Recherche und KI-gestützter Modellrechnung bei lediglich etwa 300 bis 500 Euro im Monat.
Diese geschätzten Größenordnungen zeigen, warum sich die großen Hersteller zunehmend dem Drogeriemarkt, dem Onlinehandel und der direkten Ansprache der Verbraucher zuwenden. Auch sie tragen Verantwortung für ihre Beschäftigten und müssen wirtschaftlich erfolgreich bleiben. Der traditionelle Friseursalon allein bietet vielen Herstellern längst keine ausreichende wirtschaftliche Perspektive mehr.
Eine große Branche ohne gemeinsame Stärke
Es geht längst nicht allein um den Verkauf von Shampoo, Pflege- oder Stylingprodukten. Es geht um wirtschaftlichen Einfluss, fachliche Weiterentwicklung, öffentliche Wahrnehmung und den Zusammenhalt einer gesamten Branche. Trotz rund 80.000 Betrieben gelingt es dem Friseurhandwerk nur begrenzt, seine Interessen geschlossen zu vertreten. Anfang 2025 waren lediglich knapp 11.000 Betriebe Mitglied der Innungsorganisation, also nur etwa jeder siebte Friseurbetrieb.
Natürlich leisten zahlreiche Innungen, Verbände, Unternehmer und engagierte Menschen wertvolle Arbeit. Doch die Kräfte bleiben verteilt, die gemeinsamen Interessen treten häufig hinter den Problemen des einzelnen Unternehmens zurück. Zugleich verlieren wir mit der Schwächung der Fachmedien und dem Rückzug traditioneller Industriepartner weitere wichtige Verbindungen.
Dabei wäre gerade jetzt ein gemeinsames Auftreten notwendig, um den Wert unserer Arbeit deutlicher zu vermitteln und die Zukunft des Handwerks aktiv mitzugestalten.
Und nun – wer trägt die Verantwortung?
Die Entwicklung begann nicht gestern und sie lässt sich auch nicht allein Corona, der Politik, der Industrie oder den Kunden zuschreiben. Es waren drei Jahrzehnte voller Veränderungen, auf die das Friseurhandwerk vielfach zu spät reagierte. Wir haben zu oft über Preise statt über den Wert unserer Leistungen gesprochen, an Weiterbildung und Entwicklung gespart und darauf vertraut, dass die Kunden schon wiederkommen.
Heute erleben wir, dass selbst langjährige Partner ihre wirtschaftliche Zukunft zunehmend außerhalb der traditionellen Friseurbranche suchen. Ihnen daraus einen Vorwurf zu machen, wäre zu einfach. Viel wichtiger ist die Frage, warum unser Handwerk für diese Unternehmen an Bedeutung verloren hat und was wir selbst dazu beigetragen haben.
Die Antwort kann nicht darin liegen, noch preiswerter zu werden, noch mehr zu sparen und weiterhin auf bessere Zeiten zu hoffen. Wir müssen Qualität und Fachwissen wieder sichtbar machen, Weiterbildung ernst nehmen und unseren Kunden überzeugende Gründe geben, sich bewusst für den Friseursalon zu entscheiden. Dazu gehören ebenso eine stärkere Interessenvertretung, unabhängige Fachinformationen und mehr Zusammenhalt.
Denn die Menschen sind durchaus bereit, Geld für Schönheit, Haare und Wohlbefinden auszugeben. Die entscheidende Frage ist, welchen Anteil das Friseurhandwerk künftig daran haben wird.
Die Warnsignale gab es bereits vor 30 Jahren. Vielleicht sollten wir sie endlich ernst nehmen, bevor sich auch die letzten großen Partner fragen, welche Zukunft sie noch mit uns haben.
Eine persönliche Betrachtung zur Entwicklung des Friseurhandwerks.
