{"id":109,"date":"2026-10-22T19:10:40","date_gmt":"2026-10-22T19:10:40","guid":{"rendered":"https:\/\/auf-ein-wort.info\/?p=109"},"modified":"2026-10-22T19:10:40","modified_gmt":"2026-10-22T19:10:40","slug":"abkehr-von-der-friseurbranche-die-grossen-der-haarkosmetik-verlassen-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/auf-ein-wort.info\/?p=109","title":{"rendered":"Abkehr von der Friseurbranche \u2013 die Gro\u00dfen der Haarkosmetik verlassen uns"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rund 80.000 Friseurbetriebe, 235.000 Besch\u00e4ftigte und eine jahrzehntelange Partnerschaft mit der Haarkosmetikindustrie. Doch die gro\u00dfen Hersteller orientieren sich zunehmend an anderen M\u00e4rkten. Wie konnte es so weit kommen?<\/strong><\/p>\n<p>Das deutsche Friseurhandwerk ist mit rund 80.000 Betrieben, etwa 235.000 Besch\u00e4ftigten und rund 13.500 Auszubildenden eine beachtliche Wirtschaftskraft. Eigentlich beste Voraussetzungen f\u00fcr eine starke Interessenvertretung, ein selbstbewusstes Auftreten und eine Branche, die gemeinsam ihre Zukunft gestaltet. Doch die Realit\u00e4t sieht anders aus: Der Zusammenhalt ist gering, die gemeinsame Stimme schwach, bedeutende Fachmedien sind verschwunden und selbst die gro\u00dfen Unternehmen der Haarkosmetik, die das Handwerk jahrzehntelang begleitet haben, orientieren sich zunehmend an anderen Absatzm\u00e4rkten.<\/p>\n<p><strong>Wo und wann haben wir diese Entwicklung aus den H\u00e4nden gegeben?<\/strong><\/p>\n<h2>Die Warnsignale gab es bereits vor 30 Jahren<\/h2>\n<p>Bereits Mitte der 1990er Jahre geriet das Friseurhandwerk wirtschaftlich unter Druck. Die Ums\u00e4tze entwickelten sich r\u00fcckl\u00e4ufig, die Kunden kamen seltener und allein 1995 registrierte die GfK rund 13,9 Millionen Friseurbesuche weniger. Eine gemeinsame Verbraucherbefragung des Zentralverbandes und des Industrieverbandes K\u00f6rperpflege- und Waschmittel sollte kl\u00e4ren, woran das lag. Die Ergebnisse zeigten erhebliche Unterschiede zwischen dem Selbstbild der Friseure und der Wahrnehmung ihrer Kunden. Fachwissen, Kreativit\u00e4t und Beratungsleistungen wurden offenbar nicht ausreichend erkannt oder gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber habe ich bereits in meinem Beitrag <a href=\"https:\/\/friseur-news.de\/2026\/10\/verpasster-wendepunkt\/\">\u201eVerpasster Wendepunkt \u2013 Als die Kunden den Friseuren den Spiegel vorhielten\u201c<\/a> berichtet. Damals bestand die Chance, das Handwerk neu auszurichten, seinen Wert deutlicher zu vermitteln und den Friseurbesuch attraktiver zu gestalten. Doch trotz vieler Diskussionen, Kampagnen und guter Absichten \u00e4nderte sich im Salonalltag vergleichsweise wenig.<\/p>\n<h2>Neue M\u00e4rkte entstanden \u2013 die Friseure blieben zur\u00fcck<\/h2>\n<p>W\u00e4hrenddessen ver\u00e4nderten sich die W\u00fcnsche und Priorit\u00e4ten der Verbraucher. Nageldesign, Wellness, Fitness, Reisen, Telekommunikation und Freizeitangebote entwickelten sich zu wachsenden M\u00e4rkten. Vieles davon wurde zum begehrten \u201eMust-have\u201c, f\u00fcr das Kunden bereitwillig Geld ausgaben. Da das verf\u00fcgbare Einkommen jedoch begrenzt ist, mussten Priorit\u00e4ten gesetzt werden. Der Friseurbesuch geh\u00f6rte dabei offensichtlich nicht immer zu den Gewinnern.<\/p>\n<p>Andere Branchen schafften es, Begehrlichkeiten zu wecken, Erlebnisse zu vermitteln und ihre Leistungen besonders wertvoll erscheinen zu lassen. Das Friseurhandwerk hielt dagegen h\u00e4ufig an der \u00dcberzeugung fest, m\u00f6glichst preiswert bleiben zu m\u00fcssen. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen Dienstleistungen bezahlbar sein, doch wer sich vor allem \u00fcber niedrige Preise definiert, macht es schwer, den besonderen Wert seiner Arbeit zu vermitteln. Statt aus dem Friseurbesuch ein begehrenswertes Erlebnis zu machen, wurde er f\u00fcr viele Kunden zu einer Ausgabe, die man reduzieren oder aufschieben konnte.<\/p>\n<p><strong>Unser Handwerk hat es \u00fcber Jahrzehnte vers\u00e4umt, sich als echtes \u201eMust-have\u201c zu positionieren.<\/strong><\/p>\n<h2>Corona versch\u00e4rfte die Probleme<\/h2>\n<p>Die Pandemie und ihre Folgen trafen das Friseurhandwerk hart. Wochenlange Schlie\u00dfungen, steigende Energie- und Materialkosten, h\u00f6here L\u00f6hne, Mitarbeitermangel und zunehmende B\u00fcrokratie belasteten die Betriebe. Obwohl vielerorts die Preise angehoben wurden, blieb unter dem Strich h\u00e4ufig weniger Gewinn. Sparen wurde zum Gebot der Stunde, auch beim Einkauf professioneller Haarkosmetik.<\/p>\n<p>Viele Salons wechselten zu preiswerteren Produkten und trennten sich von langj\u00e4hrigen Lieferanten. Wirtschaftlich war das nachvollziehbar, doch mit den etablierten Marken waren h\u00e4ufig auch Au\u00dfendienst, Seminare, Schulungen, technische Beratung und Unterst\u00fctzung bei der Weiterentwicklung verbunden. Wer sich davon verabschiedete, verlor unter Umst\u00e4nden weit mehr als einen Produktlieferanten. Wenn gleichzeitig Weiterbildung und fachliche Entwicklung zur\u00fcckgefahren werden, drohen Qualit\u00e4tsverluste. Werden die Unterschiede zwischen hochwertigen und preiswerten Angeboten f\u00fcr Kunden immer weniger erkennbar, entscheiden diese zunehmend nach dem Preis.<\/p>\n<p>So entsteht ein Kreislauf, in dem Einsparungen kurzfristig helfen, langfristig aber die Wettbewerbsf\u00e4higkeit schw\u00e4chen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Wella \u2013 einst die Mutter der Friseure<\/h2>\n<p>Wer die Branche seit Jahrzehnten kennt, erinnert sich noch gut an den Ausspruch \u201eWella \u2013 die Mutter der Friseure\u201c. Tats\u00e4chlich waren Wella und andere gro\u00dfe Haarkosmetikanbieter weit mehr als Lieferanten. Sie begleiteten die Entwicklung des Handwerks, pr\u00e4gten Modetrends, organisierten Weiterbildungen und unterst\u00fctzten Salons mit Au\u00dfendienst und Beratung. Zwischen Industrie und Friseurhandwerk bestand \u00fcber Jahrzehnte eine enge Partnerschaft, von der beide Seiten profitierten.<\/p>\n<p>Doch auch die Hersteller sp\u00fcrten den wirtschaftlichen Druck. Wenn Salons weniger einkaufen, zu g\u00fcnstigeren Alternativen wechseln und der traditionelle Vertriebsweg an Attraktivit\u00e4t verliert, m\u00fcssen Unternehmen reagieren. Au\u00dfendienststrukturen wurden verkleinert oder ver\u00e4ndert, Schulungsangebote wirtschaftlicher organisiert und Werbeausgaben \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n<p>Besonders deutlich wurde dieser Wandel bei der Fachpresse. Jahrzehntelang waren Magazine wie Friseurwelt, FMFM, TOP HAIR und imSalon wichtige Informationsquellen und verbindende Elemente der Branche. Doch sinkende Anzeigenbudgets der Industrie trafen auf r\u00fcckl\u00e4ufige Abonnentenzahlen, weil auch in den Salons gespart wurde. Hinzu kam die Verlagerung der Werbung in digitale Medien und soziale Netzwerke. Mehrere bedeutende Magazine verschwanden oder verloren ihre fr\u00fchere Stellung. Mit ihnen gingen nicht nur Informationen verloren, sondern auch Plattformen f\u00fcr Diskussionen, Orientierung und den Zusammenhalt im Handwerk.<\/p>\n<h2>Die Haarkosmetikindustrie sucht sich neue M\u00e4rkte<\/h2>\n<p>Der deutsche Haarpflegemarkt erreichte 2025 einen Umsatz von rund <strong>4,1 Milliarden Euro brutto<\/strong>. Doch vom Gesch\u00e4ft mit Haarpflegeprodukten profitiert das Friseurhandwerk vergleichsweise wenig. W\u00e4hrend eine Drogeriemarktfiliale nach einer Modellrechnung monatlich rund <strong>34.500 Euro Haarpflegeumsatz<\/strong> erzielt, liegt der gesch\u00e4tzte Produktumsatz eines deutschen Friseurbetriebs nach Recherche und KI-gest\u00fctzter Modellrechnung bei lediglich etwa <strong>300 bis 500 Euro im Monat<\/strong>.<\/p>\n<p>Diese gesch\u00e4tzten Gr\u00f6\u00dfenordnungen zeigen, warum sich die gro\u00dfen Hersteller zunehmend dem Drogeriemarkt, dem Onlinehandel und der direkten Ansprache der Verbraucher zuwenden. Auch sie tragen Verantwortung f\u00fcr ihre Besch\u00e4ftigten und m\u00fcssen wirtschaftlich erfolgreich bleiben. <strong>Der traditionelle Friseursalon allein bietet vielen Herstellern l\u00e4ngst keine ausreichende wirtschaftliche Perspektive mehr.<\/strong><\/p>\n<h2>Eine gro\u00dfe Branche ohne gemeinsame St\u00e4rke<\/h2>\n<p>Es geht l\u00e4ngst nicht allein um den Verkauf von Shampoo, Pflege- oder Stylingprodukten. Es geht um wirtschaftlichen Einfluss, fachliche Weiterentwicklung, \u00f6ffentliche Wahrnehmung und den Zusammenhalt einer gesamten Branche. Trotz rund 80.000 Betrieben gelingt es dem Friseurhandwerk nur begrenzt, seine Interessen geschlossen zu vertreten. Anfang 2025 waren lediglich knapp 11.000 Betriebe Mitglied der Innungsorganisation, also nur etwa jeder siebte Friseurbetrieb.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich leisten zahlreiche Innungen, Verb\u00e4nde, Unternehmer und engagierte Menschen wertvolle Arbeit. Doch die Kr\u00e4fte bleiben verteilt, die gemeinsamen Interessen treten h\u00e4ufig hinter den Problemen des einzelnen Unternehmens zur\u00fcck. Zugleich verlieren wir mit der Schw\u00e4chung der Fachmedien und dem R\u00fcckzug traditioneller Industriepartner weitere wichtige Verbindungen.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re gerade jetzt ein gemeinsames Auftreten notwendig, um den Wert unserer Arbeit deutlicher zu vermitteln und die Zukunft des Handwerks aktiv mitzugestalten.<\/p>\n<h2>Und nun \u2013 wer tr\u00e4gt die Verantwortung?<\/h2>\n<p>Die Entwicklung begann nicht gestern und sie l\u00e4sst sich auch nicht allein Corona, der Politik, der Industrie oder den Kunden zuschreiben. Es waren drei Jahrzehnte voller Ver\u00e4nderungen, auf die das Friseurhandwerk vielfach zu sp\u00e4t reagierte. Wir haben zu oft \u00fcber Preise statt \u00fcber den Wert unserer Leistungen gesprochen, an Weiterbildung und Entwicklung gespart und darauf vertraut, dass die Kunden schon wiederkommen.<\/p>\n<p>Heute erleben wir, dass selbst langj\u00e4hrige Partner ihre wirtschaftliche Zukunft zunehmend au\u00dferhalb der traditionellen Friseurbranche suchen. Ihnen daraus einen Vorwurf zu machen, w\u00e4re zu einfach. Viel wichtiger ist die Frage, warum unser Handwerk f\u00fcr diese Unternehmen an Bedeutung verloren hat und was wir selbst dazu beigetragen haben.<\/p>\n<p><strong>Die Antwort kann nicht darin liegen, noch preiswerter zu werden, noch mehr zu sparen und weiterhin auf bessere Zeiten zu hoffen.<\/strong> Wir m\u00fcssen Qualit\u00e4t und Fachwissen wieder sichtbar machen, Weiterbildung ernst nehmen und unseren Kunden \u00fcberzeugende Gr\u00fcnde geben, sich bewusst f\u00fcr den Friseursalon zu entscheiden. Dazu geh\u00f6ren ebenso eine st\u00e4rkere Interessenvertretung, unabh\u00e4ngige Fachinformationen und mehr Zusammenhalt.<\/p>\n<p>Denn die Menschen sind durchaus bereit, Geld f\u00fcr Sch\u00f6nheit, Haare und Wohlbefinden auszugeben. Die entscheidende Frage ist, welchen Anteil das Friseurhandwerk k\u00fcnftig daran haben wird.<\/p>\n<p>Die Warnsignale gab es bereits vor 30 Jahren. Vielleicht sollten wir sie endlich ernst nehmen, bevor sich auch die letzten gro\u00dfen Partner fragen, welche Zukunft sie noch mit uns haben.<\/p>\n<p><em>Eine pers\u00f6nliche Betrachtung zur Entwicklung des Friseurhandwerks.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rund 80.000 Friseurbetriebe, 235.000 Besch\u00e4ftigte und eine jahrzehntelange Partnerschaft mit der Haarkosmetikindustrie. Doch die gro\u00dfen Hersteller orientieren sich zunehmend an anderen M\u00e4rkten. Wie konnte es so weit kommen? Das deutsche Friseurhandwerk ist mit rund 80.000 Betrieben, etwa 235.000 Besch\u00e4ftigten und rund 13.500 Auszubildenden eine beachtliche Wirtschaftskraft. 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